Mio: Memories in Orbit – Reise durch ein sterbendes Raumschiff

Veröffentlicht am 6. Februar 2026 um 12:26

Mio: Memories in Orbit startet auf einem kaputten Raumschiff, das ihr Stück für Stück wieder zum Laufen bringen sollt. Was euch auf dieser Reise erwartet, ist eine atmosphärische Mischung aus Erkundung, Jump-and-Run und ruhigem Storytelling.

Mio: Memories in Orbit beginnt so, wie es sich für ein ordentliches Sci-Fi-Metroidvania gehört: Ihr wacht auf einem kaputten Raumschiff auf, alles ist im Eimer, niemand erklärt euch irgendetwas und die Umgebung sieht so aus, als hätte sie schon bessere Jahrhunderte gesehen. Kein Intro, kein Questlog, kein „Drücke X, um Spaß zu haben“. Das Spiel wirft euch rein und erwartet, dass ihr klarkommt.

Und ja, das ist Absicht.

Einstieg, Prämisse und erstes Spielgefühl

In der ersten Spielstunde fehlt euch fast alles, was Genre-Veteranen normalerweise als Grundausstattung betrachten. Keine Karte, keine Wegpunkte, keine klaren Ziele. Ihr lauft, springt, fallt irgendwo runter, dreht wieder um und merkt langsam, wie die Raumstation aufgebaut ist. Das ist Oldschool-Design und fühlt sich auch genau so an. Wer Metroidvanias liebt, erkennt sofort, was hier versucht wird. Wer moderne Komfortfunktionen erwartet, dürfte erst mal skeptisch gucken.

Das Entscheidende ist: Diese anfängliche Orientierungslosigkeit ist kein Selbstzweck. Sie erzeugt ein Gefühl von Isolation und Unsicherheit, das perfekt zur Prämisse passt. Ihr seid ein kleines Wesen in einer riesigen, sterbenden Struktur. Das Spiel nutzt das Fehlen der Karte bewusst als erzählerisches Werkzeug.

Sobald ihr später Zugriff auf die Karte bekommt, fühlt sich das wie echter Fortschritt an. Ihr habt euch die Übersicht verdient. Das ist gutes Gamedesign, weil es Mechaniken emotional auflädt.

Auch das Tempo ist bemerkenswert. Mio ist kein Spiel, das euch sofort mit Effekten, Sounds und Gegnern bombardiert. Die Musik ist zurückhaltend, oft melancholisch, manchmal fast unauffällig. Geräusche, Licht und Architektur erzählen mehr Geschichte als jeder Text.

 

Was ist Environmental-Storytelling?
Wenn ein Spiel seine Story über Leveldesign, den Zustand der Welt und spielmechanische Entscheidungen erklärt, dann erzählt die Umgebung. Und genau hier liegt eine der größten Stärken von Mio: Memories in Orbit. Das Raumschiff ist nicht nur Schauplatz, sondern aktiver Erzähler einer Geschichte, die ihr euch Stück für Stück selbst erschließt.

 

Das Spiel traut euch etwas zu. Es geht davon aus, dass ihr neugierig seid, dass ihr ausprobieren wollt und dass ihr Fehler akzeptieren könnt. Das ist mutig in einer Zeit, in der viele Spiele Angst haben, Spieler könnten sich auch nur fünf Minuten verloren fühlen.

Das Leveldesign der Raumstation selbst ist clever gelöst. Sie ist rund angelegt und erlaubt dadurch theoretisch einen endlosen Rundlauf.

Design & Gameplay: Handgezeichnete Schönheit mit klarem Fokus

Jeder Bereich der Raumstation wirkt individuell gestaltet, abwechslungsreich und mit viel Liebe zum Detail umgesetzt. Die Station fühlt sich nicht wie eine Aneinanderreihung von Leveln an, sondern wie ein zusammenhängender Ort mit eigener Geschichte.

Anfangs ist nicht immer sofort klar, ob bestimmte Flächen nur Teil des Hintergrunds sind oder tatsächlich betreten werden können. Das kann kurz irritieren, fügt sich aber schnell ins Spielgefühl ein. Mit fortschreitender Spielzeit lernt man die visuelle Sprache des Spiels zu lesen und erkennt intuitiv, welche Wege nutzbar sind.

Gameplay-technisch liegt der Schwerpunkt klar auf Jump-and-Run-Elementen.

Statt komplexer Kombos oder anspruchsvoller Gegnerdesigns steht das saubere Bewegen durch die Umgebung im Vordergrund. Wer ein kampflastiges Metroidvania erwartet, wird hier schnell merken, dass Mio andere Prioritäten setzt.

 

Interessant wird es bei der Anpassung des eigenen Spielstils. Über Mods und eine begrenzte Anzahl an Slots stellt ihr euch Vorteile zusammen, die zu eurer Art zu spielen passen. Das System ist übersichtlich gehalten, bietet aber genug Spielraum, um kleine, spürbare Unterschiede im Gameplay zu erzeugen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Ressource Perlmutt. Diese geht beim Tod verloren und kann nicht zurückgeholt werden. An bestimmten Stellen lässt sie sich jedoch in kleine Kristalle umwandeln, die dauerhaft erhalten bleiben. Das erzeugt eine angenehme Spannung zwischen Risiko und Absicherung und belohnt vorausschauendes Spielen.

Übungswelt

Umgebung im Raumschiff

Mod-System

Map-System, Erkundung & Backtracking: Verlaufen mit System

Die Raumstation ist so aufgebaut, dass neue Fähigkeiten und Schlüsselkarten nach und nach bisher unerreichbare Bereiche öffnen. Klassisches Metroidvania also, aber mit ein paar Eigenheiten, die den Spielfluss spürbar beeinflussen.

Ein wichtiger Punkt ist das Kartensystem. Die Karte wird nicht automatisch vollständig aufgedeckt, sondern erst nach dem nächsten Tod oder dem Erreichen eines Checkpoints weitergezeichnet. Das sorgt gerade zu Beginn für längere Erkundungsphasen ohne sofortige Orientierungshilfe. Wege fühlen sich dadurch weiter an, die Fehler schwerer, Fortschritt aber auch bedeutender.

 

Weiße Strichlinien auf der Karte weisen auf noch offene Wege hin und geben euch subtile Hinweise, wo es später weitergehen könnte. Zusätzlich könnt ihr eigene Symbole setzen und euch Marker platzieren. Das ist besonders hilfreich, wenn ihr merkt, dass euch für einen Bereich noch eine Fähigkeit fehlt. Das Spiel zwingt euch nicht, alles sofort zu erledigen, sondern lädt zum bewussten Zurückkommen ein.

Das Map- und Erkundungssystem verlangt Aufmerksamkeit, Mitdenken und ein gewisses Maß an Frustrationstoleranz ;)

Die rund angelegte Raumstation spielt hier ihre Stärke aus. Statt Sackgassen und Einbahnstraßen entsteht ein Gefühl von Kreislauf. Backtracking wirkt dadurch weniger wie Pflicht und mehr wie ein natürlicher Teil der Erkundung. Alte Wege bekommen neue Bedeutung, sobald sich euer Bewegungsrepertoire erweitert.

Natürlich hat dieses System auch seine Schattenseiten. Gerade am Anfang können die langen Strecken zwischen den Wiederherstellungspunkten ermüdend wirken. Wer früh stirbt, verliert nicht nur Fortschritt, sondern auch Orientierung. Das verlangt Geduld und Aufmerksamkeit, belohnt aber Spieler, die sich die Struktur der Welt einprägen.

Bosse lesen statt erzwingen

Viele Bosskämpfe in Mio: Memories in Orbit wirken auf den ersten Blick klassisch, entpuppen sich aber schnell als etwas anderes. Es geht weniger darum, möglichst viel Schaden in kurzer Zeit zu verursachen, sondern darum, Bewegungsmuster zu lesen. Die Arenen sind meist so aufgebaut, dass sie euch zum Springen, Ausweichen und Positionieren zwingen. Wer versucht, Bosse „runterzudrücken“, scheitert oft und schnell.

Tipp: Nutzt die Assist-Optionen strategisch

Die Option, dass Bosse nach jedem Versuch etwas leichter werden, ist ein bewusstes Design-Element. Sie eignet sich besonders gut, um:

  • Angriffsmuster stressfrei zu lernen

  • neue Fähigkeiten in Bosskämpfen auszuprobieren

  • Frust zu reduzieren, ohne das Spiel zu stark zu vereinfachen

Auch das zusätzliche Schild sollte nicht unterschätzt werden. Kurz stehen bleiben, Schild aufladen, weitergehen. Gerade in hektischen Passagen ist das oft effektiver, als krampfhaft durchzupushen.

Kurz gesagt:

  • Erst beobachten, dann handeln

  • Movement ist wichtiger als Schaden

  • Hilfen sind Teil des Spiels, nicht ein Cheat

Der erste größere Boss Egis ist weniger ein Schadenscheck als ein Movement-Test. Wer versucht, den Kampf schnell zu beenden, macht es sich schwerer als nötig. Wer sich Zeit nimmt, lernt hier bereits die wichtigste Lektion des Spiels.

Technik & Präsentation: Wenn Atmosphäre sauber funktioniert

Während der gesamten Spielzeit bleibt die Performance stabil, ohne nervige Bugs oder spürbare Einbrüche. Übergänge laufen sauber, Ladezeiten bleiben angenehm kurz. Gerade bei einem detailreichen, handgezeichneten 2D-Spiel ist das ein echter Pluspunkt.

Die Spielwelt ist größtenteils gut lesbar, auch wenn Hintergrund und Spielflächen optisch manchmal sehr nah beieinander liegen. Das sorgt kurz für Unsicherheit, legt sich aber schnell, sobald man die visuelle Sprache des Spiels verstanden hat.

Musik und Sounddesign drängen sich nie in den Vordergrund. Stattdessen unterstützen sie Stimmung und Gameplay unauffällig, aber effektiv. Sprünge, Treffer und Gefahren sind akustisch klar erkennbar, die Musik trägt Atmosphäre, ohne abzulenken.

Kurz gesagt: Technik und Sound halten sich zurück und genau deshalb funktioniert die Atmosphäre so gut.

Fazit: Eine Raumstation, die man verstehen lernen muss

Die handgezeichnete Raumstation, das durchdachte Leveldesign und das starke Environmental Storytelling tragen das gesamte Spielerlebnis.

Besonders positiv fällt auf, wie fair das Spiel mit seinen Spielern umgeht. Anspruchsvolle Passagen und Bosse verlangen Aufmerksamkeit und Lernbereitschaft, werden aber durch sinnvolle Assist-Optionen abgefedert. Wer Hilfe braucht, bekommt sie, ohne dass sich das Spiel dafür rechtfertigt oder seine Identität verliert.

Schwächen liegen vor allem dort, wo bewusst andere Prioritäten gesetzt wurden. Das Kampfsystem bleibt funktional, aber schlicht. Auch die anfängliche Orientierungslosigkeit kann Spieler abschrecken, die eine stärkere Führung erwarten. Wer jedoch bereit ist, sich auf das Tempo und die Struktur einzulassen, wird belohnt.

Es ist kein Spiel für jeden, aber ein sehr gutes Spiel für genau die richtige Zielgruppe.

Pro

  • Wunderschöne, handgezeichnete 2D-Grafik

  • Starkes Environmental Storytelling

  • Präzises Movement und gutes Jump-and-Run-Design

  • Faire Schwierigkeitsoptionen

  • Durchdachtes Level- und Map-Design

Contra

  • Kampfsystem bewusst simpel

  • Ruhiger Einstieg erfordert Geduld

Mio: Memories in Orbit ist eine kleine Perle für Metroidvania-Fans, die lieber erkunden als durchrennen, lieber lernen als erzwingen und Atmosphäre mehr schätzen als bloßen Effektregen. Wer genau das sucht, bekommt hier ein rundes, durchdachtes und sehr stimmiges Spielerlebnis.

Spieldauert: ca. 20h

Spielbar auf:

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